• Peter Dorfmayr

Bedeutung von Musik in unserer Gesellschaft

Aktualisiert: 31. März 2019



Mit einer Frage an den verstorbenen Nikolaus Harnoncourt, möchte ich meinen ersten Blog-Eintrag beginnen. Ich habe Ihnen, sehr geschätzter Leser dieses Artikels, eine Antwort aus dem Buch „Musik als Klangrede“ (Harnoncourt, 2016) zusammengestellt.


Herr Harnoncourt, was bedeutet Musik für unser Leben, unsere Gesellschaft?

Vom Mittelalter bis zur franz. Revolution gehörte die Musik zu den Grundpfeilern unserer Kultur, unseres Lebens. Sie zu verstehen gehörte zur Allgemeinbildung. Heute ist die Musik zu einem bloßen Ornament geworden, um leere Abende durch Opern- oder Konzertbesuche zu garnieren, um öffentliche Festlichkeit herzustellen oder auch um mittels des Radios, die Stille der häuslichen Einsamkeit zu vertreiben oder zu beleben. So ist der paradoxe Fall eingetreten, dass wir heute quantitativ viel mehr Musik haben als je zuvor - ja nahezu pausenlos -, dass sie aber für unser Leben fast nichts mehr bedeutet: eine nette kleine Verzierung!


Wir gehen zu Mozart um zu genießen, um uns von der Schönheit bezaubern zu lassen. Die „Schönheit“ ist aber nur eine Komponente jeder Musik; wir können sie nur dann zum bestimmenden Kriterium machen, wenn wir über alle anderen Kriterien hinweggehen, sie ignorieren. Erst seit wir die Musik als Ganzes nicht mehr verstehen konnten und vielleicht auch nicht mehr verstehen wollten, war es uns möglich, sie auf ihre Schönheit zu reduzieren. Die Zeitgenossen haben Mozart als extrem kontrastreich, grell, aufwühlend und erschütternd beschrieben. Mozart geht es immer um das Drama, um den Dialog, um das Einzelwort, den Konflikt und seine Auflösung, nicht um eine komponierte Poesie als Ganzes. Das bezieht sich bei ihm paradoxerweise nicht nur auf die Oper, sondern auch auf die Instrumentalmusik, die immer dramatisch ist. In der Generation nach Mozart verliert sich dieses dramatische, sprechende Element mehr und mehr aus der Musik.


Wie konnte das also geschehen, dass man gerade diese Musik auf den ästhetischen Genuss reduzierte? Kurz nachdem ich von einer „Mozart-Glück“ Aufführung gelesen hatte, wurde von meinen Studenten eine Mozart Violinsonate behandelt. Sie wurde zunächst sehr schön gespielt, ich würde sagen, die Geigerin vermittelte damit „Mozart-Glück“. Dann haben wir an dieser Sonate gearbeitet und bemerkt, wie sehr dieses Stück „unter die Haut“ ging. Da ist nicht nur „Mozart-Glück“ darin, sondern vom Glück bis zu Traurigkeit, bis zum Leid die ganze Skala menschlichen Empfindens enthalten. Aber ich muss manchmal daran zweifeln, ob ich einem Studierenden empfehlen kann, wirklich in diese Richtung zu arbeiten. Denn wenn die Leute in ein Konzert gehen um „Mozart-Glück“ zu genießen und sie bekommen stattdessen - vielleicht - eine Mozart-Wahrheit, könnte es sein, dass sie das stört, dass der Zuhörer diese Wahrheit gar nicht will. Meist wollen wir etwas Bestimmtes hören und erleben, so haben wir die neugierige Haltung des Zuhörens verlernt. Vielleicht wollen wir auch das, was uns durch die Musik gesagt wird, schon gar nicht mehr hören.


Die allgemeine Erziehung zur Musik müsste neu durchdacht werden und ihr der Platz eingeräumt werden, den sie haben muss. So wird man die großen Werke der Vergangenheit neu sehen, in ihrer aufwühlenden, verändernden Vielfalt. Und man wird auch wieder bereit sein für das Neue. Wir alle brauchen die Musik, ohne sie können wir nicht leben.


Harnoncourt, N. (2016). Musik als Klangrede: Wege zu einem neuen Musikverständnis (8. Aufl.). Kassel: Bärenreiter Verlag.

Titelbild: Nikolaus Harnoncourt © APA/GUENTER R. ARTINGER

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